Meinung

Über Osteuropa zieht die "deutsche Gefahr" auf

Eine deutsche Historikerin warnt in einer britischen Zeitung vor der "deutschen Gefahr" und Aufrüstung. Doch nicht etwa ein Krieg drohe, sondern ein deutscher Sonderweg und die Verständigung mit Russland. Das ist etwas, wovor die Transatlantiker sich schon lange fürchten.
Über Osteuropa zieht die "deutsche Gefahr" auf© RIA Nowosti

Von Pjotr Akopow

Deutschlands Streben nach Wiederaufrüstung könnte eine Bedrohung für seine Nachbarn darstellen. Man könnte meinen, das sei ein Zitat eines unserer russischen Politiker oder Experten, und es gehe um eine Bedrohung für unser Land. Doch nein: Es stammt aus der britischen Times. Und wenn die Angelsachsen über eine deutsche Gefahr sprechen, ist das immer ein Grund, sich zu fragen, was sie eigentlich damit meinen. Angesichts des enormen Beitrags Londons zur Entfesselung zweier Weltkriege ist diese Frage für Russland besonders relevant.

Formal zitiert The Times diesmal die deutsche Historikerin Liana Fix und ihr neues Buch "Deutschland wiederbewaffnet: Die Rückkehr des Krieges und das Ende der Illusionen" ("Germany Rearmed: The Return of War and the End of Illusions"). Fix ist zwar von ihrer Ausbildung her Historikerin, eine klassische akademische Laufbahn hat sie jedoch nicht eingeschlagen. Sie arbeitete im deutschen Auswärtigen Amt, bei der EU-Delegation in Georgien und sogar im Carnegie Moscow Center (die Organisation ist als ausländischer Agent eingestuft und in Russland als unerwünscht anerkannt). Derzeit ist sie beim Council on Foreign Relations in Washington tätig – jener berühmten angelsächsisch-transatlantischen Denkfabrik. Ihr Buch ist also keine bloße Analyse, sondern soll Positionen und Diskurs prägen. Und welche Botschaft wird hier vermittelt?

Eine alte Idee, die bei den Angelsachsen so beliebt ist: die deutsche Gefahr für Europa. Ein wiederbewaffnetes Deutschland werde demnach nicht Russland bedrohen, sondern Osteuropa – und zwar gemeinsam mit Russland. Genau so. Und nein, das ist keineswegs ein Hirngespinst. Die Angelsachsen spielen einfach durch, was mit Europa geschehen könnte, falls Deutschland sich ihrer Kontrolle entzieht.

Davor haben sie seit 80 Jahren Angst. Nicht umsonst formulierten die Briten eines der Ziele bei der Gründung der NATO mit den Worten, man müsse "Deutschland unten halten" – neben dem Ziel, die Sowjets draußen und die US-Amerikaner in Europa zu halten. Zuletzt verschärfte sich die Angst vor einem Kontrollverlust über Deutschland Anfang der 1990er-Jahre, als die Wiedervereinigung des Landes begann. Fix erinnert an ein Gespräch zwischen Margaret Thatcher und François Mitterrand. Damals zeigte die britische Premierministerin dem französischen Präsidenten eine Karte des Dritten Reiches in den Grenzen von 1937, und Mitterrand stimmte ihr zu, dass "eine künftige Generation böser Deutscher eines Tages sogar noch mehr Territorium erobern könnte als Adolf". Paris und London waren damals, gelinde gesagt, nicht begeistert von der rasanten Wiedervereinigung Deutschlands. Sie fürchteten, das Land könnte zur stärksten Macht Europas werden und aus der NATO austreten. Doch die USA und der wenig weitsichtige Michail Gorbatschow ermöglichten die deutsche Wiedervereinigung zu transatlantischen Bedingungen. Großbritannien und Frankreich wiederum forcierten die Gründung der Europäischen Union, über die sich auch das vereinte Deutschland weiterhin kontrollieren ließ. Was also hat sich in den vergangenen 36 Jahren verändert, dass die Angelsachsen nun erneut von einer deutschen Gefahr sprechen?

Schließlich verfügen sie über ein so bequemes Instrument wie die "russische Bedrohung", mit der sich sowohl die Deutschen als auch die Europäer insgesamt unter Kontrolle halten lassen. Oder funktioniert das etwa nicht mehr?

Bislang funktioniert dieses Instrument noch, aber es ist an der Zeit, sich darauf vorzubereiten, dass bald eben diese Deutschen nicht mehr an die "Bedrohung aus dem Osten" glauben werden. Und dann könnte etwas "Schreckliches" passieren, denn gleichzeitig starten sie ein Wiederaufrüstungsprogramm, und das heutige Deutschland ist auf ein Wiedererstarken als große Militärmacht schlecht vorbereitet, schreibt Fix. Nicht technisch, sondern ideologisch: In der neuen Weltordnung wüssten die Deutschen angeblich nicht, welchen Weg sie einschlagen und was sie mit ihrer Macht anfangen sollen.

Denn in Deutschland gab es den "Mythos des Pazifismus" und eine "intellektuelle Abhängigkeit von den USA bei der Festlegung des strategischen Kurses" (einfacher ausgedrückt: das Fehlen einer eigenen Vorstellung von nationalen Interessen), was zur "Entstehung eines ideologischen Vakuums hinsichtlich des Ziels, dem all diese Macht in einer Welt dienen soll, in der die USA Europa keinen Schutz und keine geopolitische Führung mehr gewährleisten", führte.

Heißt das also, dass die Deutschen, sobald sie sich selbst überlassen bleiben und nicht mehr unter angemessener angelsächsischer Aufsicht stehen, wieder in alte Gewohnheiten verfallen und einen Krieg anzetteln werden? Schließlich gilt in der der ganzen Welt aufgezwungenen angelsächsischen Version der Geschichte, dass die Teutonen den Ersten Weltkrieg entfesselt und anschließend im Zweiten beschlossen hätten, die ganze Welt zu erobern. Dass der erste Krieg faktisch von den Briten provoziert wurde, die den Aufstieg Deutschlands und eine Niederlage im Konkurrenzkampf um den Einfluss in Europa fürchteten, soll dabei ebenso als unwichtig angesehen werden wie die Tatsache, dass die demütigenden Folgen des Ersten Weltkriegs die Deutschen faktisch in Richtung Revanchismus und damit zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs trieben. In diesem Krieg wollten die Briten Deutschland endgültig zerschlagen (wiederum mit fremden Händen), verrechneten sich jedoch: Als Sieger gingen die Sowjetunion und die USA hervor, wobei Letztere Großbritannien endgültig von der Position der führenden Weltmacht verdrängten. Heute wedelt der "britische Schwanz" noch immer mit dem "US-amerikanischen Hund", doch in London sieht man, dass Washington sich mit seiner globalen Hegemonie übernommen hat und die Kräfteverhältnisse in Europa neu ordnen will – unter anderem, indem es Deutschland mehr Eigenständigkeit gewährt. Und genau das ist für die Briten ein Albtraum.

Nicht etwa, weil Deutschland wieder Panzer auf Paris rollen lassen oder eine Landung auf den Britischen Inseln vorbereiten würde, sondern weil es sich mit Russland einigen könnte. Genau darin liegt der Kern der Warnungen der Transatlantikerin Fix: Das also ist die eigentliche "deutsche Gefahr". Was geschieht mit Europa, wenn die NATO zu zerfallen beginnt und in Deutschland die Alternative für Deutschland (AfD) an die Macht kommt?

"Viele befürchten, dass die AfD die militärische Macht Deutschlands nutzen könnte, um gegenüber den Nachbarstaaten Stärke zu demonstrieren und gleichzeitig Russland zu beschwichtigen … über die Köpfe der Völker hinweg, die zwischen beiden liegen. Osteuropa wird fürchten, unter einer doppelten Hegemonie Deutschlands und Russlands in Europa zu einer Einflusszone zu werden. Irredentismus und Revanchismus werden erneut ihr Haupt erheben."

Das heißt also: Wenn in Deutschland national orientierte Kräfte an die Macht kommen und sich das Land von der transatlantischen Kontrolle befreit, einigen sich Deutsche und Russen – und in Europa kehrt Frieden ein? Die Angelsachsen könnten den russischen und den deutschen Staat dann nicht länger gegeneinander aufhetzen, während Polen, Balten, Tschechen und die übrigen Bewohner Osteuropas gezwungen wären, nicht nur die Interessen eines vereinten Deutschlands, sondern auch die eines großen, vereinten Russlands zu berücksichtigen? Doch genau das schlagen wir Deutschland ja vor. Und genau das will, gemessen an den steigenden Umfragewerten der AfD, inzwischen auch ein beträchtlicher Teil der deutschen Wähler. Da kann man wirklich nur sagen: Was Russen und Deutschen guttut, bedeutet für den Angelsachsen den Tod. Nicht im wörtlichen, sondern im geopolitischen Sinne.

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Übersetzt aus dem Russischen. Der Artikel ist am 18. August 2026 zuerst bei RIA Nowosti erschienen.

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